Ausbildung allgemein20. Januar 2026

Das Ausbildungszeugnis – Formulierungen richtig deuten

Lerne die Geheimsprache der Arbeitszeugnisse zu entschlüsseln: Welche Formulierungen gut sind, welche schlecht – und wann du ein Recht auf Korrektur hast.

Das Wichtigste in Kürze

  • Du hast Anspruch auf ein qualifiziertes Ausbildungszeugnis – fordere es aktiv ein
  • Zeugnisse verwenden eine codierte Sprache: "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" = Note 1
  • "War stets bemüht" ist die schlechteste Formulierung und bedeutet Note 6
  • Auch die Schlussformel verrät viel über die Gesamtbewertung
  • Bei unfairen Formulierungen hast du das Recht auf Korrektur

Warum ist das Ausbildungszeugnis so wichtig?

Das Ausbildungszeugnis ist eines der wichtigsten Dokumente, die du nach deiner Ausbildung erhältst. Es begleitet dich bei jeder zukünftigen Bewerbung und gibt potenziellen Arbeitgebern einen Einblick in deine Leistungen und dein Verhalten während der Ausbildung. Ein gutes Zeugnis kann Türen öffnen – ein schlechtes kann sie verschließen.

Laut § 16 BBiG hast du bei Beendigung der Ausbildung Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis. Der Ausbildungsbetrieb ist verpflichtet, es dir auszustellen. Dabei gibt es zwei Arten von Zeugnissen.

Einfaches vs. qualifiziertes Zeugnis

Einfaches Zeugnis

Das einfache Zeugnis enthält nur sachliche Angaben:

  • Name und Geburtsdatum des Azubis
  • Art der Ausbildung (Beruf)
  • Dauer der Ausbildung (Beginn und Ende)
  • Ziel der Ausbildung

Ein einfaches Zeugnis enthält keine Beurteilung deiner Leistungen oder deines Verhaltens. Es wird dir automatisch ausgestellt.

Qualifiziertes Zeugnis

Das qualifizierte Zeugnis enthält zusätzlich eine Beurteilung:

  • Fachliche Leistungen: Wie gut hast du die Ausbildungsinhalte erlernt?
  • Praktische Fähigkeiten: Wie hast du die erlernten Kenntnisse angewendet?
  • Arbeitsweise: Wie sorgfältig, selbstständig und zuverlässig hast du gearbeitet?
  • Sozialverhalten: Wie war dein Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden?
  • Gesamtbeurteilung: Eine zusammenfassende Bewertung

Du hast das Recht, ein qualifiziertes Zeugnis zu verlangen. Fordere es aktiv ein – es ist für deine berufliche Zukunft viel wertvoller als ein einfaches Zeugnis.

Die Geheimsprache der Zeugnisse

Arbeitszeugnisse und Ausbildungszeugnisse in Deutschland verwenden eine codierte Sprache. Das Zeugnis muss laut Rechtsprechung wohlwollend formuliert sein, darf aber gleichzeitig wahrheitsgemäß sein. Das führt zu verschlüsselten Formulierungen, die eine versteckte Bewertung enthalten.

Die Notenskala im Zeugnis

Die Gesamtbeurteilung lässt sich in Schulnoten übersetzen:

Note 1 – Sehr gut

Typische Formulierungen:

  • "...hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt"
  • "...zeigte stets hervorragende Leistungen"
  • "...hat in jeder Hinsicht und in allerbester Weise unseren Erwartungen entsprochen"

Note 2 – Gut

Typische Formulierungen:

  • "...hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt"
  • "...zeigte stets gute Leistungen"
  • "...hat in jeder Hinsicht unseren Erwartungen entsprochen"

Note 3 – Befriedigend

Typische Formulierungen:

  • "...hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt"
  • "...zeigte gute Leistungen"
  • "...hat unseren Erwartungen in jeder Hinsicht entsprochen"

Note 4 – Ausreichend

Typische Formulierungen:

  • "...hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit erledigt"
  • "...zeigte zufriedenstellende Leistungen"
  • "...hat unseren Erwartungen entsprochen"

Note 5 – Mangelhaft

Typische Formulierungen:

  • "...hat die ihm/ihr übertragenen Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt"
  • "...hat sich bemüht, die Aufgaben zu erledigen"
  • "...hat unseren Erwartungen weitgehend entsprochen"

Note 6 – Ungenügend

Typische Formulierungen:

  • "...hat sich bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden"
  • "...war stets bemüht"
  • "...hat die Aufgaben in der Regel erledigt"

Versteckte Botschaften erkennen

Neben der Notenskala gibt es weitere versteckte Botschaften in Zeugnissen:

Negative Codes

  • "war stets bemüht" = hat es nicht geschafft (Note 6)
  • "zeigte Verständnis für die Arbeit" = hat selbst nicht gearbeitet
  • "war gesellig und fand schnell Kontakt zu Kollegen" = hat zu viel geredet und wenig gearbeitet
  • "erledigte alle Aufgaben ordnungsgemäß" = hat nur das Nötigste getan, kein Engagement
  • "trug zur Verbesserung des Betriebsklimas bei" = Alkoholproblem oder übermäßiges Feiern
  • "hat sich im Rahmen seiner Fähigkeiten eingesetzt" = geringe Fähigkeiten

Positive Signale

  • "stets" als Verstärker = durchgehend gute/sehr gute Leistung
  • "übertraf unsere Erwartungen" = herausragende Leistung
  • "eigeninitiativ und selbstständig" = hohes Engagement
  • "vorbildlich" = Spitzenbeurteilung
  • "äußerst" oder "außerordentlich" = Superlativ, beste Beurteilung

Aufbau eines qualifizierten Zeugnisses

Ein vollständiges qualifiziertes Ausbildungszeugnis sollte folgende Bestandteile haben:

  • Überschrift: "Ausbildungszeugnis"
  • Einleitung: Name, Geburtsdatum, Ausbildungsberuf, Dauer
  • Beschreibung der Ausbildung: Abteilungen, Tätigkeitsbereiche
  • Leistungsbeurteilung: Fachkenntnisse, Arbeitsweise, Lernbereitschaft
  • Verhaltensbeurteilung: Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen, Kunden
  • Gesamtbeurteilung: Die zusammenfassende Bewertung
  • Schlussformel: Grund der Beendigung, Danksagung, Zukunftswünsche
  • Datum und Unterschrift

Die Schlussformel

Auch die Schlussformel verrät viel:

  • Sehr gut: "Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden sehr, danken für die stets hervorragenden Leistungen und wünschen alles Gute und weiterhin viel Erfolg."
  • Gut: "Wir danken für die guten Leistungen und wünschen für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg."
  • Schlecht: "Wir wünschen für die Zukunft alles Gute." (kurz und kühl)
  • Fehlt die Schlussformel: Das ist ein negatives Signal!

Dein Recht auf Korrektur

Wenn du mit deinem Zeugnis nicht einverstanden bist, hast du das Recht auf Korrektur:

  • Das Zeugnis darf keine sachlichen Fehler enthalten (falsche Daten, falsche Berufsbezeichnung)
  • Das Zeugnis muss wohlwollend formuliert sein
  • Es darf keine versteckten negativen Botschaften enthalten, die nicht der Wahrheit entsprechen
  • Du kannst eine Änderung verlangen, wenn die Bewertung deiner Leistung nicht deiner tatsächlichen Leistung entspricht

Der Ablauf bei einer Korrektur:

  • Schritt 1: Bitte schriftlich um Korrektur und benenne die konkreten Stellen
  • Schritt 2: Wenn der Betrieb ablehnt, wende dich an die Kammer
  • Schritt 3: Im Streitfall kann ein Arbeitsgericht entscheiden

Tipps für dein Ausbildungszeugnis

  • Fordere aktiv ein qualifiziertes Zeugnis – warte nicht, bis der Betrieb dir eines gibt
  • Prüfe das Zeugnis sofort: Sind alle Angaben korrekt? Stimmt die Beurteilung?
  • Lass das Zeugnis von jemandem prüfen: Berufsschullehrer, Eltern oder die Kammer können helfen
  • Reagiere schnell: Wenn du eine Korrektur wünschst, melde dich zeitnah
  • Bewahre das Zeugnis sorgfältig auf: Du wirst es bei jeder Bewerbung brauchen

Digitales Zeugnis und neue Entwicklungen

In einer zunehmend digitalen Arbeitswelt stellt sich die Frage, ob Ausbildungszeugnisse auch digital ausgestellt werden können. Aktuell muss das Zeugnis noch in Schriftform vorliegen – also auf Papier, mit Unterschrift und Firmenstempel. Ein elektronisches Zeugnis (z. B. als PDF per E-Mail) erfüllt die gesetzlichen Anforderungen derzeit nicht.

Es gibt jedoch Bestrebungen, digitale Zeugnisse als gleichwertig anzuerkennen. Bis dahin solltest du sicherstellen, dass du dein Zeugnis in Papierform erhältst und sorgfältig aufbewahrst. Fertige am besten eine digitale Kopie (Scan) an, falls das Original verloren geht.

Zusätzlich zum Ausbildungszeugnis des Betriebs erhältst du von der zuständigen Kammer ein Prüfungszeugnis über die bestandene Abschlussprüfung. Dieses Zeugnis enthält deine Prüfungsnoten und ist ein offizieller Nachweis deiner beruflichen Qualifikation. Beide Zeugnisse solltest du bei Bewerbungen stets beifügen – das Ausbildungszeugnis des Betriebs gibt Auskunft über dein Verhalten und deine Leistung im Arbeitsalltag, das Prüfungszeugnis über deine fachliche Kompetenz.

Fazit

Das Ausbildungszeugnis ist mehr als ein Stück Papier – es ist deine berufliche Visitenkarte. Lerne die Geheimsprache der Zeugnisse zu entschlüsseln, damit du weißt, was wirklich über dich geschrieben steht. Fordere ein qualifiziertes Zeugnis ein, prüfe es sorgfältig und scheue dich nicht, eine Korrektur zu verlangen, wenn die Beurteilung nicht fair ist. Ein gutes Zeugnis ist der Grundstein für deinen weiteren beruflichen Weg.

Häufige Fragen

Muss mir mein Betrieb ein Zeugnis ausstellen?
Ja, laut § 16 BBiG ist der Betrieb verpflichtet, dir bei Beendigung der Ausbildung ein schriftliches Zeugnis auszustellen. Ein einfaches Zeugnis erhältst du automatisch, ein qualifiziertes musst du verlangen.
Was bedeutet "zu unserer Zufriedenheit" im Zeugnis?
Die Formulierung "zu unserer Zufriedenheit" entspricht der Note 4 (ausreichend). Besser wäre "zu unserer vollen Zufriedenheit" (Note 3), "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" (Note 2) oder "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" (Note 1).
Darf im Zeugnis stehen, warum die Ausbildung beendet wurde?
Im Zeugnis darf erwähnt werden, ob die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wurde. Der Beendigungsgrund (Kündigung, Aufhebung) darf nur auf ausdrücklichen Wunsch des Azubis aufgenommen werden. Eine Kündigung durch den Betrieb sollte nicht erwähnt werden.
Wie lange habe ich Zeit, eine Korrektur zu fordern?
Es gibt keine gesetzliche Frist, aber du solltest eine Korrektur möglichst schnell einfordern. In der Rechtsprechung werden Zeiträume von 5 bis 15 Monaten als angemessen betrachtet. Je länger du wartest, desto schwieriger wird es, eine Korrektur durchzusetzen.

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Stand: Januar 2026 · Alle Angaben ohne Gewähr