Berufsschule – Dein zweiter Lernort in der Ausbildung
Die duale Ausbildung in Deutschland ist weltweit einzigartig. Sie kombiniert praktisches Lernen im Betrieb mit theoretischem Unterricht in der Berufsschule. Als Azubi verbringst du einen erheblichen Teil deiner Ausbildungszeit in der Berufsschule – und genau deshalb ist es wichtig, dass du weißt, was dich dort erwartet und wie du das Beste daraus machst.
In diesem Ratgeber erfährst du alles über den Alltag in der Berufsschule, welche Fächer auf dich zukommen, wie der Unterricht organisiert ist und mit welchen Strategien du erfolgreich durch die Schulzeit kommst.
Wie funktioniert die Berufsschule?
Die Berufsschule ist neben dem Ausbildungsbetrieb der zweite Lernort im dualen System. Sie vermittelt dir die theoretischen Grundlagen für deinen Ausbildungsberuf sowie Allgemeinbildung. Der Besuch der Berufsschule ist für alle Auszubildenden Pflicht – egal ob du 16 oder 25 Jahre alt bist.
Blockunterricht vs. Teilzeitunterricht
Es gibt zwei gängige Modelle, wie der Berufsschulunterricht organisiert wird:
- Teilzeitunterricht: Du gehst an ein bis zwei Tagen pro Woche in die Berufsschule und arbeitest die restlichen Tage im Betrieb. Dieses Modell ist das häufigste und ermöglicht einen regelmäßigen Wechsel zwischen Theorie und Praxis.
- Blockunterricht: Du besuchst die Berufsschule für mehrere Wochen am Stück (typischerweise 2–6 Wochen) und bist danach wieder durchgängig im Betrieb. Dieses Modell wird häufig bei spezialisierten Berufen oder überregionalen Fachklassen genutzt.
Welches Modell bei dir zum Einsatz kommt, hängt von deinem Ausbildungsberuf und der zuständigen Berufsschule ab. Beide Varianten haben Vor- und Nachteile: Beim Teilzeitmodell kannst du das Gelernte sofort im Betrieb anwenden, beim Blockunterricht kannst du dich intensiver auf die Theorie konzentrieren.
Welche Fächer erwarten dich?
Der Stundenplan in der Berufsschule setzt sich aus zwei Bereichen zusammen:
Berufsbezogene Fächer
Diese Fächer bilden den Kern des Berufsschulunterrichts und sind direkt auf deinen Ausbildungsberuf zugeschnitten. Je nach Beruf können das zum Beispiel sein:
- Kaufmännische Berufe: Rechnungswesen, Wirtschaftslehre, Geschäftsprozesse, Steuerung und Kontrolle
- Handwerksberufe: Fachtheorie, Technologie, Technische Mathematik, Technisches Zeichnen
- IT-Berufe: Programmierung, Netzwerktechnik, Datenbanken, IT-Systeme
- Gesundheitsberufe: Anatomie, Krankheitslehre, Pflegetheorie, Hygiene
Allgemeinbildende Fächer
Neben den berufsbezogenen Fächern stehen auch allgemeinbildende Fächer auf dem Stundenplan:
- Deutsch/Kommunikation: Geschäftsbriefe, Protokolle, Präsentationen
- Sozialkunde/Politik: Arbeitsrecht, Sozialversicherung, politische Bildung
- Wirtschaftskunde: Grundlagen der Wirtschaft, Vertragsrecht
- Sport: Je nach Bundesland und Schule
- Religion/Ethik: In einigen Bundesländern verpflichtend
Der typische Berufsschultag
Ein normaler Berufsschultag beginnt meist zwischen 7:30 und 8:00 Uhr und endet gegen 14:00 bis 15:30 Uhr. Du hast in der Regel 6 bis 8 Unterrichtsstunden pro Tag mit entsprechenden Pausen dazwischen.
Wichtig zu wissen: Berufsschulzeit ist Arbeitszeit! Dein Ausbildungsbetrieb muss dich für den Berufsschulbesuch freistellen. Wenn der Unterricht an einem Tag mehr als fünf Unterrichtsstunden umfasst, wird dieser Tag als voller Arbeitstag angerechnet.
Anwesenheitspflicht und Fehlzeiten
Die Anwesenheit in der Berufsschule ist Pflicht. Wenn du krank bist, musst du dich sowohl bei der Schule als auch bei deinem Ausbildungsbetrieb krankmelden. Ab dem dritten Fehltag benötigst du in der Regel ein ärztliches Attest. Zu viele unentschuldigte Fehltage können zur Nichtzulassung zur Abschlussprüfung führen.
Noten und Zeugnisse
In der Berufsschule bekommst du Noten wie in jeder anderen Schule auch. Diese setzen sich zusammen aus:
- Klassenarbeiten und Tests
- Mündlicher Mitarbeit
- Projektarbeiten und Referate
- Praktische Übungen
Am Ende jedes Halbjahres erhältst du ein Zeugnis. Das Abschlusszeugnis der Berufsschule ist ein eigenständiger Abschluss – je nach Notendurchschnitt und Bundesland kannst du damit sogar einen höheren Schulabschluss erlangen (z.B. den Mittleren Schulabschluss oder die Fachhochschulreife).
Tipps für den Berufsschul-Erfolg
1. Aktiv mitarbeiten
Klingt banal, macht aber einen riesigen Unterschied. Wer im Unterricht aufpasst und sich beteiligt, muss zu Hause deutlich weniger nacharbeiten. Außerdem verbessert aktive Mitarbeit deine mündliche Note erheblich.
2. Unterlagen organisieren
Halte deine Unterlagen von Anfang an ordentlich. Nutze Ordner mit Trennblättern für verschiedene Fächer oder setze auf digitale Notizen. Wenn du erst vor der Prüfung anfängst, deine Unterlagen zu sortieren, verlierst du wertvolle Lernzeit.
3. Lerngruppen bilden
Tausche dich regelmäßig mit deinen Mitschülern aus. In Lerngruppen könnt ihr euch gegenseitig Themen erklären, Verständnislücken schließen und euch motivieren. Besonders vor Prüfungen sind Lerngruppen Gold wert.
4. Theorie und Praxis verknüpfen
Versuche immer, den Bezug zwischen dem Gelernten in der Schule und deiner praktischen Arbeit im Betrieb herzustellen. Diese Verknüpfung hilft dir nicht nur beim Verstehen, sondern auch beim Behalten des Stoffs.
5. Frühzeitig nachfragen
Wenn du etwas nicht verstehst, frag nach – lieber einmal zu viel als zu wenig. Die Lehrer in der Berufsschule sind darauf eingestellt, dass nicht alle den gleichen Wissensstand haben. Auch Nachhilfe oder zusätzliche Förderkurse sind keine Schande.
6. Berichtsheft regelmäßig führen
Nutze die Zeit in der Berufsschule, um auch gleich dein Berichtsheft auf dem aktuellen Stand zu halten. Notiere die Unterrichtsinhalte zeitnah – nach Wochen oder Monaten erinnerst du dich kaum noch an die Details.
Besondere Situationen in der Berufsschule
Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU)
Zusätzlich zur Berufsschule gibt es in manchen Berufen – besonders im Handwerk – überbetriebliche Lehrgänge. Diese finden in Bildungszentren der Kammern statt und ergänzen die betriebliche Ausbildung um Inhalte, die nicht jeder Betrieb abdecken kann.
Berufsschule in einem anderen Ort
Bei seltenen Ausbildungsberufen kann es vorkommen, dass die zuständige Berufsschule in einer anderen Stadt oder sogar einem anderen Bundesland liegt. In diesem Fall wird meist Blockunterricht angeboten, und du wohnst während der Schulblöcke in einem Wohnheim oder einer Unterkunft. Die Kosten dafür können teilweise über die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) oder andere Fördermittel gedeckt werden.
Verkürzung der Ausbildung
Wenn du in der Berufsschule und im Betrieb überdurchschnittlich gute Leistungen zeigst, kannst du einen Antrag auf Verkürzung deiner Ausbildungszeit stellen. Voraussetzung ist in der Regel ein Notendurchschnitt von besser als 2,5 in der Berufsschule und eine positive Beurteilung deines Ausbildungsbetriebs.
Deine Rechte als Berufsschüler
Als Auszubildender hast du in Bezug auf die Berufsschule einige wichtige Rechte:
- Freistellung: Dein Arbeitgeber muss dich für den Berufsschulbesuch freistellen und die Zeit als Arbeitszeit anrechnen.
- Keine Nacharbeit: Du musst die Berufsschulzeit grundsätzlich nicht im Betrieb nacharbeiten.
- Fahrtkosten: Viele Betriebe übernehmen die Fahrtkosten zur Berufsschule oder es gibt Zuschüsse vom Bundesland.
- Lernmittel: In vielen Bundesländern besteht Lernmittelfreiheit, d.h. Schulbücher werden gestellt oder bezuschusst.
Fazit: Die Berufsschule als Chance nutzen
Die Berufsschule ist viel mehr als nur eine Pflichtveranstaltung. Sie bietet dir die Möglichkeit, theoretisches Wissen aufzubauen, das du für deine Karriere brauchst, einen anerkannten Schulabschluss zu verbessern und wichtige Kontakte zu knüpfen. Nutze die Zeit in der Berufsschule aktiv und sieh sie als Investition in deine berufliche Zukunft. Mit der richtigen Einstellung und guter Organisation wirst du die Berufsschulzeit nicht nur überstehen, sondern davon profitieren.