Konflikte gehören dazu – wichtig ist der Umgang damit
In jeder Ausbildung kann es zu Konflikten kommen. Das ist völlig normal und kein Zeichen dafür, dass etwas grundsätzlich schiefläuft. Entscheidend ist, wie du mit Konflikten umgehst. Wer Probleme früh anspricht und konstruktiv löst, wächst daran und entwickelt wichtige soziale Kompetenzen für das gesamte Berufsleben.
In diesem Ratgeber erfährst du, welche typischen Konflikte in der Ausbildung auftreten, wie du sie ansprichst und löst – und wann du dir externe Hilfe holen solltest.
Typische Konflikte in der Ausbildung
Probleme mit dem Ausbilder
- Zu wenig Anleitung: Du wirst alleine gelassen und bekommst keine Erklärungen.
- Ausbildungsfremde Tätigkeiten: Du musst ständig Kaffee kochen, putzen oder private Erlädigungen machen statt etwas zu lernen.
- Unfaire Behandlung: Du wirst angeschrien, vor anderen bloßgestellt oder ungerecht bewertet.
- Fehlende Anerkennung: Deine Leistungen werden nicht gesehen oder gewuerdigt.
- Überforderung: Du bekommst Aufgaben, die du noch nicht kannst, ohne Unterstützung.
Probleme mit Kollegen
- Ausgrenzung: Du wirst nicht ins Team integriert oder bei Aktivitäten ausgeschlossen.
- Mobbing: Systematische Schikane, Gerüchte, Witze auf deine Kosten.
- Unangemessener Umgangston: Beleidigungen, sexistische oder diskriminierende Bemerkungen.
Probleme mit dem Betrieb
- Überstunden ohne Ausgleich: Du arbeitest regelmäßig länger als vertraglich vereinbart.
- Ausbildungsplan wird nicht eingehalten: Dir werden nicht alle vorgeschriebenen Inhalte vermittelt.
- Verguetung wird nicht oder verspätet gezahlt: Ein klarer Verstoß gegen den Ausbildungsvertrag.
Kommunikation als Lösungsweg
Die meisten Konflikte lassen sich durch gute Kommunikation lösen. Hier sind bewährte Strategien:
Das Vier-Ohren-Modell
Jede Nachricht kann auf vier Ebenen verstanden werden: Sachebene, Beziehungsebene, Selbstoffenbarung und Appell. Missverständnisse entstehen oft, weil Sender und Empfänger auf unterschiedlichen Ebenen kommunizieren. Beispiel: Wenn dein Ausbilder sagt „Das ist noch nicht fertig?“, kann das eine sachliche Frage sein oder ein Vorwurf – je nach Tonfall und Kontext.
Ich-Botschaften verwenden
Statt Vorwürfe zu machen, formuliere deine Gefühle und Bedürfnisse:
- Statt: „Sie erklären mir nie etwas!“
- Besser: „Ich bin bei dieser Aufgabe unsicher und würde mich über eine kurze Einweisung freuen.“
- Statt: „Das ist unfair!“
- Besser: „Ich habe den Eindruck, dass die Aufgabenverteilung nicht ganz ausgewogen ist. Können wir darüber sprechen?“
Den richtigen Zeitpunkt wählen
- Sprich Probleme zeitnah an, aber nicht im Affekt.
- Suche ein ruhiges, ungestörtes Gespräch – nicht zwischen Tür und Angel.
- Bitte um einen festen Termin: „Könnten wir morgen kurz unter vier Augen sprechen?“
Gespräch vorbereiten
- Notiere dir vorher, was du ansprechen möchtest.
- Überlege dir konkrete Beispiele für das Problem.
- Formuliere einen Lösungsvorschlag.
- Bleibe sachlich und respektvoll, auch wenn du ärgerlich bist.
Eskalationsstufen – Wann welche Hilfe?
Stufe 1: Direktes Gespräch
Versuche immer zuerst, das Problem direkt mit der betroffenen Person zu klären. Oft sind Konflikte Missverständnisse, die sich im Gespräch schnell auflösen lassen.
Stufe 2: Vermittlung im Betrieb
Wenn das direkte Gespräch nicht hilft, suche Unterstützung im Betrieb:
- Ausbildungsleiter: Wenn der direkte Ausbilder das Problem ist
- Personalabteilung: Bei ernsteren Konflikten
- Betriebsrat/JAV: Deine gesetzliche Interessenvertretung
- Vertrauensperson: Ein Kollege, dem du vertraust
Stufe 3: Externe Hilfe
Wenn betriebsinterne Lösungen scheitern:
- Ausbildungsberatung der IHK/HWK: Kostenlose, vertrauliche Beratung für Azubis. Die Berater können auch als Vermittler fungieren.
- Schlichtungsausschuss: Bei der Handwerkskammer gibt es Schlichtungsaussschuesse, die bei Streitigkeiten zwischen Azubi und Betrieb vermitteln. Das Verfahren ist kostenlos.
- Gewerkschaft: Als Mitglied erhältst du Rechtsberatung und -vertretung.
Stufe 4: Rechtliche Schritte
Als letztes Mittel können rechtliche Schritte nötig sein:
- Arbeitsgericht: Bei schwerwiegenden Verstößen gegen den Ausbildungsvertrag
- Im Handwerk: Vor dem Arbeitsgericht muss ein Schlichtungsverfahren stattgefunden haben
- Prozesskostenhilfe: Wenn du dir keinen Anwalt leisten kannst
Mobbing in der Ausbildung
Mobbing ist mehr als ein normaler Konflikt. Es handelt sich um systematische, wiederholte Schikane über einen längeren Zeitraum. Anzeichen für Mobbing:
- Regelmäßige Beleidigungen oder Demuetigungen
- Bewusstes Ausgrenzen und Ignorieren
- Gerüchte verbreiten
- Sabotage deiner Arbeit
- Drohungen oder Einschüchterung
Was tun bei Mobbing?
- Dokumentiere alles: Datum, Uhrzeit, was passiert ist, Zeugen
- Suche Verbündete: Sprich mit Vertrauenspersonen
- Melde es: Betriebsrat, Personalabteilung, Ausbildungsberatung
- Professionelle Hilfe: Psychologische Beratung, Mobbingberatungsstellen
- Kein Schweigen: Mobbing hört selten von alleine auf – handle!
Wann ist ein Ausbildungswechsel sinnvoll?
Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen. Ein Betriebswechsel oder sogar ein Berufswechsel kann die richtige Entscheidung sein, wenn:
- Trotz aller Bemühungen keine Besserung eintritt
- Deine Gesundheit (körperlich oder psychisch) leidet
- Der Betrieb systematisch gegen Ausbildungsvorschriften verstößt
- Mobbing nicht unterbunden wird
Ein Betriebswechsel ist möglich, ohne die gesamte Ausbildung neu anfangen zu müssen. Lass dich bei der Ausbildungsberatung deiner Kammer beraten.
Fazit: Konflikte als Lernchance
Konflikte in der Ausbildung sind unangenehm, aber sie bieten auch eine Chance: Du lernst, für dich einzustehen, Probleme anzusprechen und Lösungen zu finden. Diese Fähigkeiten werden dir im gesamten Berufsleben helfen. Wichtig ist: Schweige nicht, wenn etwas nicht stimmt. Nutze die vorhandenen Hilfsangebote und lass dich beraten. Und denke daran: Deine Gesundheit und dein Wohlbefinden sind wichtiger als jede Ausbildungsstelle.