Ausbildung abbrechen – kein seltenes Phänomen
Jedes Jahr brechen in Deutschland rund 25 bis 30 Prozent aller Azubis ihre Ausbildung vorzeitig ab. Du bist also nicht allein, wenn du mit dem Gedanken spielst, deine Ausbildung zu beenden. Wichtig ist, dass du nicht überstürzt handelst, sondern dir Zeit nimmst, die Situation zu analysieren und die richtigen Schritte einzuleiten.
Ein Ausbildungsabbruch ist kein Scheitern – er kann der erste Schritt zu einer besseren beruflichen Zukunft sein. Aber er sollte gut überlegt sein, denn er bringt auch Konsequenzen mit sich.
Häufige Gründe für den Ausbildungsabbruch
Die Gründe, warum Azubis ihre Ausbildung abbrechen, sind vielfältig. Hier sind die häufigsten:
Falscher Beruf
Viele Jugendliche stellen während der Ausbildung fest, dass der gewählte Beruf nicht ihren Vorstellungen oder Fähigkeiten entspricht. Das ist einer der häufigsten Abbruchgründe. Manchmal hat man sich den Beruf anders vorgestellt, manchmal entwickeln sich die Interessen in eine andere Richtung.
Probleme im Betrieb
Konflikte mit dem Ausbilder, schlechtes Arbeitsklima, Mobbing oder mangelnde Ausbildungsqualität sind ebenfalls häufige Gründe. Wenn der Betrieb seine Ausbildungspflicht nicht ernst nimmt und du hauptsächlich Hilfsarbeiten erledigst, ist das ein ernstes Problem.
Persönliche Gründe
Gesundheitliche Probleme, familiäre Schwierigkeiten, finanzielle Nöte oder ein Umzug können dazu führen, dass die Ausbildung nicht mehr zu bewältigen ist.
Überforderung oder Unterforderung
Manche Azubis fühlen sich von den Anforderungen überfordert – sei es in der Berufsschule oder im Betrieb. Umgekehrt kann auch Unterforderung demotivierend wirken und zum Abbruch führen.
Schlechte Vergütung
Wenn die Ausbildungsvergütung nicht zum Leben reicht und der Betrieb keine angemessene Bezahlung bietet, kann das ein Grund sein, sich nach Alternativen umzusehen.
Bevor du abbrichst: Alternativen prüfen
Bevor du deine Ausbildung endgültig abbrichst, solltest du alle Alternativen in Betracht ziehen:
1. Gespräch mit dem Ausbilder
Suche das offene Gespräch mit deinem Ausbilder oder der Personalabteilung. Oft lassen sich Probleme lösen, wenn sie angesprochen werden. Vielleicht kann der Ausbildungsplan angepasst, der Einsatzbereich gewechselt oder ein Konflikt geklärt werden.
2. Ausbildungsberatung nutzen
Die zuständige Kammer (IHK oder HWK) bietet kostenlose Ausbildungsberatung an. Die Berater kennen sich aus und können bei Konflikten vermitteln. Auch die Agentur für Arbeit bietet Beratung an.
3. Betrieb wechseln statt abbrechen
Wenn der Beruf der richtige ist, aber der Betrieb das Problem darstellt, kannst du den Betrieb wechseln, ohne die Ausbildung komplett abzubrechen. Die bereits absolvierte Ausbildungszeit kann angerechnet werden.
4. Beruf wechseln
Wenn der Beruf nicht passt, ist ein Wechsel in einen anderen Ausbildungsberuf möglich. Auch hier können unter Umständen Ausbildungszeiten angerechnet werden, besonders wenn die Berufe verwandt sind.
5. Unterstützung suchen
Es gibt zahlreiche Hilfsangebote für Azubis in der Krise:
- Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH): Nachhilfe und sozialpädagogische Begleitung, finanziert von der Agentur für Arbeit
- Assistierte Ausbildung (AsA): Intensive Unterstützung für Azubis mit besonderem Förderbedarf
- VerA-Initiative: Ehrenamtliche Mentoren begleiten Azubis in Krisensituationen
Konsequenzen eines Ausbildungsabbruchs
Ein Abbruch hat verschiedene Konsequenzen, die du kennen solltest:
Finanzen
- Die Ausbildungsvergütung entfällt sofort
- BAB (Berufsausbildungsbeihilfe) wird eingestellt
- Das Kindergeld läuft weiter, solange du unter 25 bist und dich zeitnah für eine neue Ausbildung, ein Studium oder eine Arbeit entscheidest
- Bei Eigenkündigung droht eine Sperrzeit beim Arbeitslosengeld
Sozialversicherung
Mit Ende der Ausbildung endet auch deine Sozialversicherung über den Betrieb. Du musst dich um eine Krankenversicherung kümmern – entweder über die Familienversicherung (unter 25) oder eine eigene Versicherung.
Bewerbungen
Ein Ausbildungsabbruch im Lebenslauf ist kein Makel, wenn du ihn gut begründen kannst. Wichtig ist, dass du zeigst, dass du aus der Erfahrung gelernt hast und eine klare Vorstellung von deinem weiteren Weg hast.
Nächste Schritte nach dem Abbruch
1. Sofort bei der Agentur für Arbeit melden
Melde dich innerhalb von 3 Tagen nach Kenntnis des Endes persönlich bei der Agentur für Arbeit. So vermeidest du Lücken beim Arbeitslosengeld und bekommst Unterstützung bei der Suche nach einer Alternative.
2. Berufsberatung in Anspruch nehmen
Nutze die kostenlose Berufsberatung der Agentur für Arbeit, um herauszufinden, welcher Beruf besser zu dir passt. Es gibt auch Eignungstests und Praktikumsmöglichkeiten.
3. Neue Ausbildung suchen
Beginne sofort mit der Suche nach einem neuen Ausbildungsplatz. Plattformen wie Ausbildungsgenie helfen dir dabei, den passenden Beruf und Betrieb zu finden. Viele Betriebe nehmen auch unterjährig Azubis auf.
4. Alternativen zur Ausbildung
Neben einer neuen Ausbildung gibt es weitere Möglichkeiten:
- Studium: Wenn du die Voraussetzungen erfüllst
- Freiwilligendienst: FSJ, FÖJ oder BFD als Orientierungsphase
- Praktikum: Um einen anderen Beruf kennenzulernen
- Einstiegsqualifizierung (EQ): Ein bezahltes Langzeitpraktikum als Brücke in die Ausbildung
- Berufsvorbereitung (BvB): Maßnahme der Agentur für Arbeit zur Berufsorientierung
Tipps für den Neustart
- Sei ehrlich mit dir selbst: Analysiere, warum die Ausbildung nicht geklappt hat, und lerne daraus
- Probiere Berufe aus: Nutze Praktika und Schnuppertage, bevor du dich festlegst
- Hol dir Unterstützung: Du musst das nicht allein durchstehen
- Bleib aktiv: Vermeide eine lange Phase ohne Beschäftigung
- Gib nicht auf: Viele erfolgreiche Menschen haben Umwege genommen
Statistiken zum Ausbildungsabbruch
Die Zahlen zum Ausbildungsabbruch in Deutschland sind bemerkenswert: Im Jahr 2024 lag die Vertragslösungsquote bei etwa 26,7 %. Das bedeutet, dass mehr als jeder vierte Ausbildungsvertrag vorzeitig aufgelöst wird. Allerdings ist "Vertragslösung" nicht gleichbedeutend mit "Abbruch" – viele der betroffenen Azubis beginnen eine neue Ausbildung in einem anderen Beruf oder Betrieb.
Die Abbruchquoten unterscheiden sich stark nach Branchen. Besonders hoch sind sie in:
- Gastronomie und Hotellerie: ca. 40-50 %
- Friseurhandwerk: ca. 40 %
- Gebäudereinigung: ca. 45 %
Deutlich niedriger sind die Quoten in:
- Öffentlicher Dienst: ca. 6-8 %
- Banken und Versicherungen: ca. 8-10 %
- Chemie und Pharma: ca. 10-12 %
Diese Unterschiede zeigen, dass die Arbeitsbedingungen und die Ausbildungsqualität eine entscheidende Rolle bei der Frage spielen, ob Azubis ihre Ausbildung abschließen oder nicht. Betriebe mit guter Betreuung, fairer Vergütung und angenehmer Arbeitsatmosphäre haben deutlich weniger Abbrecher.
Denke immer daran: Ein Ausbildungsabbruch ist kein Scheitern. In Deutschland gibt es über 300 anerkannte Ausbildungsberufe – die Chancen stehen gut, dass unter ihnen der richtige für dich dabei ist. Nutze die Erfahrung aus der abgebrochenen Ausbildung als Lernchance und gehe den nächsten Schritt mit mehr Klarheit und Selbstbewusstsein.
Fazit
Eine Ausbildung abzubrechen ist eine schwierige Entscheidung, die gut durchdacht sein will. Prüfe zuerst alle Alternativen und hol dir Beratung. Wenn der Abbruch der richtige Schritt ist, dann gehe ihn mit einem klaren Plan für die Zukunft. Denke daran: Ein Abbruch ist kein Ende, sondern kann der Anfang von etwas Besserem sein. Wichtig ist, dass du schnell aktiv wirst und aus der Erfahrung lernst.