Auslandserfahrung in der Ausbildung – Mehr als nur Reisen
Ein Auslandsaufenthalt während der Ausbildung? Das klingt für viele Azubis erst einmal unmöglich. Doch es geht – und es wird sogar gefördert! Mit Programmen wie Erasmus+ können Auszubildende wertvolle Auslandserfahrungen sammeln, ohne ihre Ausbildung zu unterbrechen.
In diesem Ratgeber erfährst du, welche Möglichkeiten es gibt, wie du einen Auslandsaufenthalt planst und finanzierst und warum sich die Erfahrung für deine Karriere lohnt.
Erasmus+ für Azubis
Erasmus+ ist das bekannteste EU-Förderprogramm für Auslandsaufenthalte. Es steht nicht nur Studierenden offen, sondern auch Auszubildenden und jungen Fachkräften!
Was bietet Erasmus+ für Azubis?
- Dauer: 2 Wochen bis 12 Monate Auslandsaufenthalt
- Länder: Alle EU-Mitgliedsstaaten plus Island, Liechtenstein, Norwegen, Türkei, Nordmazedonien, Serbien
- Förderung: Zuschuss für Reisekosten, Unterkunft und Lebenshaltungskosten
- Zielgruppe: Azubis während oder bis zu 12 Monate nach der Ausbildung
Wie hoch ist die Förderung?
Die Höhe des Zuschusses hängt vom Zielland ab. Die EU teilt die Länder in drei Gruppen ein:
- Gruppe 1 (hohe Lebenshaltungskosten): Dänemark, Irland, Island, Luxemburg, Schweden etc. – höchster Zuschuss
- Gruppe 2 (mittlere Kosten): Österreich, Frankreich, Italien, Spanien, Niederlande etc.
- Gruppe 3 (niedrigere Kosten): Bulgarien, Rumänien, Polen, Ungarn etc. – niedrigster Zuschuss
Zusätzlich gibt es Zuschüsse für Reisekosten und sprachliche Vorbereitung.
Wie bewerbe ich mich?
Du bewirbst dich nicht direkt bei Erasmus+, sondern über eine entsendende Einrichtung:
- Dein Ausbildungsbetrieb
- Deine Berufsschule
- Die zuständige Kammer (IHK/HWK)
- Bildungsträger und Mobilitaetskonsortien
Frage bei deiner Berufsschule oder Kammer nach, ob sie am Erasmus+-Programm teilnehmen. Die Nationale Agentur beim BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) koordiniert Erasmus+ für die berufliche Bildung in Deutschland.
Auslandspraktikum planen
Schritt 1: Frühzeitig informieren
Beginne mindestens 6–12 Monate vor dem gewünschten Aufenthalt mit der Planung. Informiere dich bei:
- Deiner Berufsschule (Erasmus+-Koordinatoren)
- Deiner IHK/HWK (Auslandsberatung)
- Der Nationalen Agentur beim BIBB
- Dem Portal www.go-ibs.de (Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung)
Schritt 2: Betrieb einbinden
Sprich frühzeitig mit deinem Ausbildungsbetrieb. Du brauchst seine Zustimmung für den Auslandsaufenthalt. Argumentiere mit den Vorteilen:
- Interkulturelle Kompetenz
- Sprachkenntnisse
- Fachliche Erweiterung
- Motivation und Selbstständigkeit
- Positives Image für den Betrieb
Schritt 3: Aufnehmenden Betrieb finden
Du brauchst einen Betrieb im Ausland, der dich aufnimmt. Hilfe dabei bieten:
- Erasmus+-Partnerschaften deiner Schule oder Kammer
- Internationale Netzwerke deines Ausbildungsbetriebs
- Vermittlungsorganisationen
- Eigeninitiative (Bewerbungen an Betriebe im Zielland)
Schritt 4: Praktische Vorbereitung
- Sprachkurs: Nutze die Erasmus+-Sprachlernplattform OLS oder Volkshochschulkurse
- Versicherung: Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC) beantragen, ggf. Zusatzversicherung
- Unterkunft: Oft über die aufnehmende Organisation vermittelt
- Dokumente: Personalausweis/Reisepass prüfen, ggf. Visum
Rechtliche Rahmenbedingungen
Seit der BBiG-Novelle 2020 ist es gesetzlich klar geregelt:
- Teile der Ausbildung können im Ausland absolviert werden (§2 Abs. 3 BBiG).
- Die Auslandsphase darf maximal ein Viertel der Ausbildungsdauer betragen.
- Der Auslandsaufenthalt gilt als Teil der Ausbildung – dein Ausbildungsverhältnis besteht weiter.
- Du erhältst weiterhin deine Ausbildungsvergütung.
Anerkennung des Auslandsaufenthalts
Damit dein Auslandsaufenthalt offiziell anerkannt wird, gibt es verschiedene Instrumente:
- Europass Mobilität: Dokumentiert die im Ausland erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten.
- Lernvereinbarung (Learning Agreement): Legt vor dem Aufenthalt fest, welche Inhalte vermittelt werden sollen.
- ECVET: Europäisches System zur Anrechnung von Lernleistungen in der beruflichen Bildung.
Warum sich ein Auslandsaufenthalt lohnt
Persönliche Entwicklung
- Selbstständigkeit und Eigenverantwortung
- Interkulturelle Kompetenz und Offenheit
- Selbstvertrauen und Flexibilität
- Neue Perspektiven auf den eigenen Beruf
Berufliche Vorteile
- Sprachkenntnisse verbessern
- Fachliche Einblicke in andere Arbeitsweisen
- Internationales Netzwerk aufbauen
- Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt
- Pluspunkt im Lebenslauf
Persönliche Erlebnisse
- Neue Freundschaften
- Andere Kulturen und Lebensweisen kennenlernen
- Unvergessliche Erfahrungen sammeln
Weitere Programme und Alternativen
- AusbildungWeltweit: Förderprogramm des BMBF für Auslandsaufenthalte außerhalb Europas
- Deutsch-Französisches Jugendwerk (DFJW): Spezielle Programme für Aufenthalte in Frankreich
- Deutsch-Polnisches Jugendwerk: Förderung für Aufenthalte in Polen
- Praktikum im Ausland nach der Ausbildung: Erasmus+ fördert auch junge Fachkräfte bis 12 Monate nach Abschluss
Fazit: Ausland als Bereicherung
Ein Auslandsaufenthalt während der Ausbildung ist eine einmalige Chance, die du dir nicht entgehen lassen solltest. Die Finanzierung ist durch Erasmus+ und andere Programme oft weitgehend gesichert, und die Erfahrung wird dich persönlich und beruflich bereichern. Informiere dich frühzeitig, sprich mit deinem Betrieb und deiner Berufsschule und wage den Schritt – es wird sich lohnen!