Was ist eine Teilzeitausbildung?
Eine Teilzeitausbildung ist eine reguläre Berufsausbildung mit reduzierter Arbeitszeit. Statt der üblichen 35-40 Wochenstunden arbeitest du weniger im Betrieb, besuchst aber weiterhin die Berufsschule in vollem Umfang. Die Ausbildungsdauer kann sich dadurch verlängern, muss es aber nicht.
Seit der Novelle des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) 2020 ist die Teilzeitausbildung in § 7a BBiG klar geregelt. Grundsätzlich kann jede Berufsausbildung auch in Teilzeit absolviert werden – du brauchst dafür keinen besonderen Grund mehr.
Für wen eignet sich eine Teilzeitausbildung?
Eine Teilzeitausbildung ist besonders geeignet für:
- Eltern mit Kindern: Du kannst Ausbildung und Kinderbetreuung vereinbaren
- Pflegende Angehörige: Wenn du Familienangehörige pflegst
- Menschen mit Behinderung: Bei gesundheitlichen Einschränkungen, die Vollzeit nicht erlauben
- Leistungssportler: Training und Ausbildung parallel
- Nebenberuflich Selbstständige: Wenn du nebenbei ein Business aufbaust
Aber auch ohne besonderen Grund kannst du seit 2020 eine Teilzeitausbildung beantragen. Es reicht, wenn du und dein Ausbildungsbetrieb euch einig seid.
Wie funktioniert die Teilzeitausbildung?
Arbeitszeitmodelle
Die wöchentliche Arbeitszeit wird um mindestens 25% reduziert. Bei einer regulären 40-Stunden-Woche bedeutet das:
- 75%-Modell: 30 Stunden pro Woche – die Ausbildungsdauer bleibt gleich
- 50%-Modell: 20 Stunden pro Woche – die Ausbildungsdauer verlängert sich um maximal das Eineinhalbfache
Die genaue Verteilung der Arbeitszeit wird im Ausbildungsvertrag festgelegt. Möglich sind zum Beispiel:
- Jeden Tag weniger Stunden arbeiten
- Weniger Tage pro Woche, dafür volle Stunden
- Kombinationsmodelle mit flexiblen Zeiten
Berufsschule
Der Berufsschulunterricht findet in der Regel in vollem Umfang statt. Du besuchst die gleichen Klassen wie Vollzeit-Azubis. Nur die betriebliche Ausbildungszeit wird reduziert.
Ausbildungsdauer
Bei einer Arbeitszeitreduzierung auf mindestens 75% bleibt die reguläre Ausbildungsdauer bestehen. Bei stärkerer Reduzierung verlängert sich die Ausbildung entsprechend, maximal jedoch um das Eineinhalbfache. Eine dreijährige Ausbildung kann also maximal 4,5 Jahre dauern.
Vorteile der Teilzeitausbildung
- Vereinbarkeit: Familie, Pflege oder andere Verpflichtungen lassen sich mit der Ausbildung verbinden
- Weniger Stress: Die reduzierte Arbeitszeit gibt mehr Raum für Erholung und Lernen
- Vollwertiger Abschluss: Du erhältst den gleichen Berufsabschluss wie Vollzeit-Azubis
- Gleiche Prüfungen: Zwischen- und Abschlussprüfung sind identisch
- Bessere Noten: Mehr Zeit zum Lernen kann sich positiv auf die Berufsschulnoten auswirken
Nachteile und Herausforderungen
- Geringere Vergütung: Die Ausbildungsvergütung wird anteilig gekürzt – bei 50% bekommst du auch nur 50% der regulären Vergütung
- Längere Ausbildungsdauer: Bei starker Reduzierung verlängert sich die Ausbildungszeit
- Weniger Praxiserfahrung: Durch die reduzierte Betriebszeit sammelst du weniger praktische Erfahrung
- Organisationsaufwand: Die Koordination von Betrieb, Berufsschule und privaten Verpflichtungen erfordert gutes Zeitmanagement
- Weniger Betriebe bieten es an: Nicht alle Ausbildungsbetriebe sind offen für Teilzeitmodelle
Vergütung in der Teilzeitausbildung
Die Ausbildungsvergütung wird anteilig zur Arbeitszeit berechnet. Wenn du 75% der regulären Arbeitszeit arbeitest, erhältst du auch 75% der üblichen Vergütung. Bei 50% entsprechend die Hälfte.
Zusätzlich kannst du unter Umständen folgende Leistungen beantragen:
- Berufsausbildungsbeihilfe (BAB): Wenn du nicht mehr bei deinen Eltern wohnst
- Wohngeld: Als ergänzende Leistung
- Kindergeld: Steht dir während der Ausbildung bis 25 Jahre weiterhin zu
- Kinderzuschlag: Wenn du eigene Kinder hast
So beantragst du eine Teilzeitausbildung
Vor Ausbildungsbeginn
Die Teilzeit wird direkt im Ausbildungsvertrag vereinbart. Dazu besprichst du dich mit deinem zukünftigen Ausbildungsbetrieb und einigt euch auf ein Arbeitszeitmodell. Die zuständige Kammer (IHK oder HWK) prüft den Vertrag bei der Eintragung.
Während der laufenden Ausbildung
Auch ein Wechsel von Vollzeit zu Teilzeit ist möglich:
- Schritt 1: Sprich mit deinem Ausbilder über deinen Wunsch und die Gründe
- Schritt 2: Einigt euch auf ein konkretes Arbeitszeitmodell
- Schritt 3: Der Ausbildungsvertrag wird per Änderungsvertrag angepasst
- Schritt 4: Die Kammer wird über die Änderung informiert
Tipps für eine erfolgreiche Teilzeitausbildung
- Frühzeitig planen: Kläre das Teilzeitmodell vor Vertragsabschluss oder rechtzeitig vor dem Wechsel
- Berufsschule priorisieren: Da du weniger Praxiszeit hast, ist die theoretische Ausbildung umso wichtiger
- Selbstständig lernen: Nutze die zusätzliche freie Zeit für eigenständiges Lernen und Nacharbeiten
- Netzwerk aufbauen: Bleib in Kontakt mit Vollzeit-Azubis, um nichts zu verpassen
- Finanzierung klären: Informiere dich frühzeitig über BAB, Wohngeld und andere Förderungen
Fazit
Die Teilzeitausbildung ist eine echte Chance für alle, die aus verschiedenen Gründen keine Vollzeit-Ausbildung absolvieren können. Seit der BBiG-Reform 2020 ist der Zugang deutlich einfacher geworden. Du erhältst den gleichen vollwertigen Berufsabschluss und legst die gleichen Prüfungen ab. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in guter Organisation, Eigeninitiative und einem kooperativen Ausbildungsbetrieb.